So
15
Feb
2009
Entscheiden in chaotischen Zeiten
Führung
Entscheiden in chaotischen Zeiten
Von Mary E. Boone und David J. Snowden
Im Januar 1993 erschoss ein Mann sieben Menschen in einem Fast-Food-Restaurant in Palatine, einem Vorort von Chicago. Der für den Fall zuständige Deputy Chief Walter Gasior stand vor einem Problem. In seiner Doppelrolle als leitender Verwaltungsangestellter und Sprecher der Polizeibehörde musste er mehrere Situationen gleichzeitig meistern. Gasior sollte sich um die trauernden Angehörigen und die verängstigten Bürger kümmern, dafür sorgen, dass der Routinebetrieb auf dem völlig überlasteten Revier weiterlief, und die Fragen der Medien beantworten, deren Reporter und Filmteams die Stadt überschwemmten. "Da kamen buchstäblich vier Personen gleichzeitig auf mich zu, mit logistischen Fragen und Problemen mit den Medien", erinnerte er sich. "Und in diesem ganzen Durcheinander mussten wir dafür sorgen, dass das Tagesgeschäft auf dem Revier reibungslos weiterlief."
Walter Gasior war dieser Aufgabe letztlich gewachsen. Doch nicht alle Führungskräfte erreichen die von ihnen angestrebten Ergebnisse, wenn sie mit Situationen konfrontiert sind, die zahlreiche unterschiedliche Entscheidungen und Reaktionen von ihnen erfordern. Manager verlassen sich allzu oft auf allgemeine Führungskonzepte, die unter bestimmten Umständen erfolgreich sind, unter anderen jedoch nicht.
Warum scheitern diese Konzepte, obwohl sie rein logisch betrachtet Erfolg haben sollten? Die Antwort liegt in der grundlegenden Annahme der Organisationstheorie und -praxis, dass in unserer Welt ein gewisses Maß an Berechenbarkeit und Ordnung herrsche. Diese Annahme geht auf das newtonsche Weltbild zurück, das die Grundlagen für die Lehre der wissenschaftlichen Betriebsführung bildet. Sie bestärkt uns Menschen darin, zu vereinfachen - was bei geordneten Umständen auch sinnvoll ist. Doch wenn sich die Umstände ändern und ihre Komplexität zunimmt, können Vereinfachungen scheitern. Nicht in jeder Situation lassen sich deshalb dieselben Führungsprinzipien anwenden.
Unserer Meinung nach sollte der traditionelle Ansatz für Führungs- und Entscheidungsprozesse erweitert werden. Es ist Zeit, eine neue Sichtweise einzuführen, die auf der Komplexitätswissenschaft beruht (siehe Komplexität verstehen). In den vergangenen zehn Jahren haben wir die Prinzipien dieser Wissenschaft auf Regierungen und Unternehmen aus einem breiten Spektrum unterschiedlicher Branchen angewendet. In Zusammenarbeit mit weiteren Kollegen haben wir das Cynefin-Modell für Führungskräfte entwickelt, mit dessen Hilfe sie Sachverhalte aus anderen Blickwinkeln betrachten, komplexe Konzepte verstehen und sich mit realen Problemen und Chancen auseinandersetzen können. (Das Wort Cynefin stammt aus dem Walisischen und bezeichnet die zahlreichen Faktoren in unserer Umgebung und unserer Erfahrungswelt, die uns beeinflussen, ohne dass wir es merken.) Wenn Führungskräfte dieses Konzept anwenden, lernen sie, das Modell unter Zuhilfenahme von Beispielen aus der Vergangenheit ihres Unternehmens und Szenarios seiner möglichen Zukunft zu definieren. Dies verbessert nicht nur die Kommunikation innerhalb des Unternehmens, sondern hilft den Managern auch sehr schnell, den Kontext einer Situation oder eines Problems zu erkennen
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